Sind denn wirklich so viele Menschen derart ängstlich, dass sie ihre Meinung in Meetings, zu Veränderungen u. a. nicht sagen mögen? Im Prinzip ja. Doch wenn das so ist, dann liegt die Hauptverantwortung dafür in einer Kultur des Misstrauens. Eine Unternehmenskultur, die Misstrauen bewirkt, bedroht die Beschäftigten, ob Manager oder Fachangestellte meist real. Das bedeutet, dass es sich um realistische Ängste handelt, meistens. Darin lernt man zu täuschen, sich selbst wie die anderen, halbbewusst. Meist denkt man nicht weiter darüber nach. Aber man fühlt sich unwohl und äußert das “draußen”, am Biertisch, beim Kaffee mit der Freundin oder in den Social Networks.

2018 besuchte ich im Rahmen eines Projekts verschiedene Pflegeunternehmen. In einem fand ich Mobbing und Bossing vor. Sowie eine Mauer des Schweigens. Wenige Wochen später traf ich zwei der Mitarbeiterinnen dieses Unternehmens in einer anderen Einrichtung wieder. Sie wirkten vollkommen verändert: lebhaft, aufgeschlossen, zufrieden. Sie erzählten mir jetzt, was sie in der anderen Einrichtung erlebt hatten. warum sie kündigten und einen neuen Arbeitsplatz fanden. Und wie gut sie es getroffen hätten. Vor allem offen reden zu können, war für sie entscheidend. Sie waren sichtbar frei von Angst. Sie konnten wieder vertrauen.

Echte Kommunikation, solche, die unterschiedliche Sichtweisen im Sinne von Problemlösungen einbezieht, ist offenbar ein seltenes Gut. Die Freiheit, seine Meinung zu sagen, ist in vielen Unternehmen leider gefährlich. Sowohl Führungskräfte als auch die Teammitglieder müssen tatsächlich Sanktionen befürchten, wenn sie Anordnungen „von oben“ widersprechen.

Demgegenüber ist der Bedarf an guter Arbeit und aktivem Mitmachen bei Veränderungen jedoch ziemlich hoch, insbesondere durch diese gegenwärtige Krise. Eigentlich sollte jede Führung also an der Unterstützung durch das Personal interessiert sein. Und wenn man fragt, stimmen alle dem zu. Allerdings oft auch so:

Auf einer Veranstaltung vor Jahren unterhielt ich mich mit einem Unternehmer aus der Transportbranche. Er erklärte mir, dass er schlicht erwarte, dass seine Mitarbeiter ohne jedes weitere Wort täten, was er anordne. Er würde alles nur einmal sagen. Wer nicht “spure”, der würde umstandslos fliegen. Allerdings wäre das noch nie passiert, weil sie (die Mitarbeiter) genau wüssten, was ihnen blühte.

Dieser Unternehmer war also überzeugt, dass Drohungen die Qualität und Effektivität der Arbeit verbessern. Tatsächlich ist dieser Glaube durch viele Untersuchungen widerlegt. Die Beschäftigten wehren sich – passiv und mit Schweigen.

Die Gallup-Studie 2019 sieht im Ergebnis 122 Millionen Euro Folgeschäden durch Dienst nach Vorschrift und Versäumnisse der Führung. Nur 15 Prozent der Mitarbeiter haben eine emotionale Bindung an ihr Unternehmen und arbeiten engagiert mit.

 

Woher kommt also ein solch ungünstiger Zustand des Schweigens mit derartigen Verlusten? Es liegt doch auf der Hand, dass dies weder im Interesse der Beschäftigten, noch der Produktivität, noch des Unternehmens insgesamt sein kann.

  • Zunächst einmal ist das gemeinsame Schweigen und Täuschen, teils auch Lügen in der Unternehmenskultur ziemlich stabil verankert. Beharrungsvermögen.
  • Es scheint klar zu sein, dass Unternehmensführungen diese Angstkultur bewusst oder unbewusst fördern. Denn auch sie sind von ihrer etablierten Unternehmenskultur mitgeprägt.
  • Das bedeutet, dass diese schädliche Problematik in einem langen Prozess gewachsen ist. Und zwar in sämtlichen Ebenen: von den Inhabern, Geschäftsführern bis in die Teams hinein.

 

Wie lässt sich das Schweigen verändern?  Was wäre SINN-voll?

Nun könnte man untersuchen, was diesen Boden der Angst genau bewirkt und am Leben hält. Sinnvoller ist es allerdings, den Kulturcontainer aufzubrechen und anstelle der Misstrauens- eine Vertrauenskultur zu etablieren.

Das ist alles andere als leicht. Denn ein solches Projekt stellt die Rollen-Identität der Menschen im Betrieb infrage. Die war bisher auf Vorsicht fokussiert. Jetzt müssten sich alle öffnen und das Risiko eines ehrlichen Gesprächs eingehen, mit den eingangs genannten Gefahren. Und nicht nur das: Sie müssten ihre Meinung über bisher fest Geglaubtes über das Unternehmen aufgeben. Vom Misstrauen, das eine Sicherheit des Gewohnten versprach, ins Vertrauen zu kommen – das bedeutet nicht bloß den Zusammenbruch einer Klultur, sondern auch Beteiligte werden zusammenbrechen und das zeigen, was bisher als “Schwäche” diffamiert wurde: Trauer, Wut, Tränen …

Kommunikation, Dialog statt Schweigen
Kommunikation, Dialog statt Schweigen
Kommunikation, Dialog statt Schweigen
Kommunikation, Dialog statt Schweigen
Kommunikation, Dialog statt Schweigen
Kommunikation, Dialog statt Schweigen
Der riskante Grund für Schweigen in Unternehmen … 1

Die Schweigekultur zu brechen, ist notwendig. Reden wir also miteinander. So kontrovers wie nötig. So unterschiedlich, wie wir sind, denken und fühlen.

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