Ein Traum von Utopie 1

Ein Traum von Utopie

Wie Lena in 5 Schritten Zukunft schafft

Bilder mit Canva


Eine Utopie bahnt sich ihren Weg: Lena hört einen dunklen Ton, wie von einem Gong, mit langem Nachhall. Noch im Halbschlaf blendet sie ein helles Licht, und sie denkt: „Himmel, ich bin tot!“ Doch wunderbarer Weise öffnen sich die Augen. Sie lacht laut auf. Es ist die Sommersonne, die ihr ins Gesicht scheint. Lenas‘ Mann Jan brummt: „Was’n los?“ „Schlaf weiter, ich hab‘ bloß geträumt“, flüstert sie. So beginnen Veränderungen, oft im Halbschlaf. Oder beim Spazieren-gehen.

Auf andere Weise dagegen hätten neue Wege keine Chance: „Du musst endlich in die Füße kommen! Entscheide dich!“ Das ist Bullshit, Killersätze mit dem Ziel, dass alles bleibt, wie es gefühlt schon immer war. Nur, dass nichts bleibt, wie es war. Schon gar nicht jetzt, in der Krise. Mit dieser Haltung scheitert jeder Lebensplan. Man muss sich schon einmischen und selbst für Veränderung sorgen, für eine, die einem passt, wenn sich alles um einen herum wandelt.


Beim Frühstück fragt Jan: “Was hast du denn so Lustiges geträumt, dass du laut lachen musstest?” “Das war komisch, Jan, vor dem hellen Licht war da eine Karottenblüte. Rosa, wie wir sie auf Sardinien letztes Jahr gesehen haben. Erinnerst du dich?” Lena nimmt einen Schluck vom Milchkaffee. “Klar”, meint Jan, “sah ganz hübsch aus, aber das war doch nicht lustig.” “Die Karottenblüte in meinem Traum lag auf dem Teller neben dem Wremer Seehund*, und zwar in meinem Restaurant. Ich meine, ich bin Coach. Ich hab’ doch gar kein Restaurant. Aber es war so schön mit den Gästen und überhaupt.” Lena seufzt. “Man müsste weiterträumen können, ewig.”

*Wremer Seehund nennt sich eine Spezialität an der Nordseeküste bei Cuxhaven.


Logisch, dass Jan den Traum als Traum abhakt. “Wann ist denn dein Coaching heute?” Sie seufzt wieder: “Das ist es ja, niemand will Online-Coaching. Der fünfte Kunde ging gestern von Bord. Jetzt sind es nur noch drei. Zwei werden nächste Woche fertig. Und keine neuen in Sicht. Diese verdammten Shutdowns und Abstands-Vorschriften! Aber ein größerer Raum lohnt sich einfach nicht. Ich weiß echt nicht, wie es weitergehen soll.”

Lena findet ihr Traum-Restaurant beinahe realistischer als Coaching, jedenfalls in Pandemie-Zeiten. Okay, es gibt auch dafür Auflagen. Aber man kann im Sommer draußen servieren, und für Geimpfte, Genesene und Getestete das ganze Jahr auch drinnen öffnen. Es müsste nur genug Platz da sein – wegen der Abstandsregel. Das könnte sich doch rechnen, oder? Vor allem, wenn man heimische Spezialitäten mit Karottenblüten und Wildkräutern, die am Deich wachsen, verbindet.


Versuchsweise probiert sie den Wremer Seehund aus ihrem Traum aus. Mit der Karottenblüte hat sie Glück, der Biohof von Familie Albert hat welche von einigen Karotten, die letztes Jahr auf dem Feld vergessen wurden. Lena belegt für sich und Jan je eine Scheibe Schwarzbrot mit Butter und Krabben. Darauf platziert sie drei Wachtelspiegeleier, über die sie die winzigen Blütenblätter einer Karottenblüte streut. Dazu eine ganze Karottenblüte und Pesto aus Karottenkraut, gerösteten Sonnenblumenkernen, Sonnenblumenöl, etwas Zitronensaft und Ziegenfrischkäse.

Jan schmeckt es: “Neues Rezept? Die Wachteleier anstelle des Hühnereis sind nicht schlecht.” Experiment gelungen. Und nun? Der Traum wächst sich zur Utopie aus und lässt Lena nicht los. “Nur so zum Spaß,” sagt sie sich, “bastle ich mal ein Konzept.”


  1. Das Leichte zuerst: Die Karottenblüten, Gemüse, Kräuter, Obst, Eier und Fleisch bekomme ich vom Biohof Albert. Den Fisch hole ich vom Fischmarkt. Alles Übrige gibt es im Großhandel oder Supermarkt. Die Wildkräuter hole ich selbst vom Deich.
  2. Die Räume für das Lokal: Es soll am Wasser liegen, mit Blick auf den Hafen oder die Elbe. Wenn schon, denn schon! Es muss groß genug sein, dass man mit Corona-Abstand klarkommt. Außerdem bezahlbar. Sollte am Niedersachsenkai nicht ein großes Gebäude leer stehen? Angucken!
  3. Die Finanzen: Das ist der Knackpunkt schlechthin. Für die Ausstattung lässt sich sicher ein Deal mit einer Getränkefirma einfädeln; guter Wein darf kosten. Auf jeden Fall ein Gespräch mit der Bank – nachdem das Konzept komplett und wasserdicht ist.
  4. Personal? Für den Anfang zwei Leute in der Küche (Koch und Angelernter), zwei für die Bedienung. Die Einkäufe mache ich nach Absprache mit dem Koch.
  5. Das Schwerste: Jan ins Boot holen.

Karottenblüte

Tatsächlich, am Niedersachsenkai ist ein Gebäudeteil frei. 220 Quadratmeter plus dem Außenbereich von 90 Quadratmetern. Ziemlich groß. Andererseits, wenn man die Küche, Garderobe und Toiletten abzieht, bleiben für die Gäste ungefähr 130 Quadratmeter. Mit der Abstandsregel … braucht man das schon. Wer weiß, wie lange die “Corona-Wellen” noch dauern. Und im Sommer werden viele Gäste einen Platz im Hafengebiet suchen, da kommt die Terrasse gerade recht.

Die Pacht ist akzeptabel. Und Lena bekommt gleich einen Tipp für die Brauerei, die gute Kredite für erfolgsversprechende Gastronomieprojekte vergeben soll.

Es haben sich allerdings noch andere Interessenten gemeldet. Sie soll sich deshalb innerhalb einer Woche entscheiden, ob sie den Raum pachten wird. Die Utopie, oops, wird ganz schön schnell konkret. Lena muss schlucken. Eigentlich war es ja nur ein Traum. Oder doch nicht?


Auf dem Weg nach Hause fällt Lena siedend heiß ein, dass Jan noch gar nichts ahnt. “Himmel, was sag’ ich ihm bloß? Er wird mich für komplett durchgeknallt halten.” Heimlich hält sie das Projekt selbst für eine Schnapsidee. Dabei ist sie innerlich längst entschlossen, ihr Restaurant in die Welt zu setzen. Die Lust an der Herausforderung überwiegt ihre schwächelnden Einwände, die jedes Detail als unrealistische Utopie geißeln.

Zum Abendessen testet sie ihr nächstes Rezept mit Karottenblüten und Fisch. Diesmal kombiniert sie Seezunge mit Möhren, beides in Butter und etwas Weißwein gedünstet; dazu gedämpfte Karottenblüte, mariniert in Zitronen-Olivenöl und geröstete Pastinaken-Scheibchen. Darüber ein Hauch von gezupften Karottenblüten und Petersilie. Jan isst zufrieden alles auf: “Mensch, du legst dich ja plötzlich doll in die Kocherei rein.”

… schenkt Jan erstmal vom Weißburgunder nach. “Du, ich muss mit dir reden.” “Dachte ich mir schon”, meint Jan, “hat wohl wieder mit diesem lustigen Traum zu tun, was? Von mir aus kannst du jeden Tag sowas wie heute kochen, ist ja lecker.” Lena atmet tief durch: “Es geht nicht nur ums Kochen. Das Coaching läuft nicht mehr, wie du weißt. Die Leute buchen einfach auch kein Coaching im Internet, jedenfalls nicht bei mir. Soft-Skills scheinen out zu sein. Ich habe so gut wie keine Kunden mehr. Aber ich hab’ eine Idee.”

Und sie erzählt ihm vom Raum in der Best-Lage, von den Finanzierungsmöglichkeiten, woher sie die Lebensmittel bekommt und den Aussichten, die ein solches Geschäft bietet, vor allem in der Saison. “Ich wollte dich bitten, für mich bei der Bank vorzusprechen. Der Kredit von der Brauerei wird nicht ganz reichen. Ein weiteres Problem war mein sozialer Touch; das Essen wird für viele Menschen zu teuer sein. Aber das ist schon gelöst: Die Leute von der Tafel werden jeden Abend die Reste holen – und die sollen üppig sein.”

Jan ist platt. “Wann hast du dir das denn alles ausgedacht?” “Naja, eigentlich heute, als ich am Hafen war und alles so einfach wurde.” Sie sitzt wie auf Kohlen: “Was ist, machst du’s?” Er ist nicht überzeugt: “Lass mich erstmal alles durchkalkulieren. Das kommt für mich überraschend und hört sich einfach zu glatt an.”



Jan holt sich zuerst fachkundigen Rat ein. Lenas’ Bruder ist Banker, zwar nicht in Cuxhaven, sondern in Bayern. Aber er begutachtet das Konzept mit den Berechnungen und Prognosen sofort. “Das ist keine Utopie mehr, sondern ein realistischer Plan”, schreibt er dazu. Und er hat noch einen Tipp: Als Startup lässt sich bei der KfW ein günstiger Kredit beantragen. Falls er zusammen mit dem Kredit der Brauerei nicht ausreicht, wird die Bank sicher aushelfen. Zumal Jan ein sicheres Einkommen als Lehrer hat.

Lena erledigt den Papierkram im Eiltempo und bekommt von den Banken (mithilfe von Jan’s Bürgschaft) und der Brauerei erste positive Rückmeldungen. Sie gründet das Unternehmen und unterschreibt den Pachtvertrag. Puuh, jetzt beginnt die Arbeit. Die Einrichtung – da unterstützt sie die Brauerei super. Auch einen Koch, eine Küchenkraft und zwei Frauen für die Bedienung findet sie übers Hörensagen. Auf einmal helfen – fast – alle Freunde und Bekannten mit.


Kirsten, ihre beste Freundin und Kollegin, stellt Forderungen. Entweder soll Lena sie mit als Geschäftspartnerin dazunehmen. Oder das Ganze sein lassen. “Du kannst nicht einfach so aus unserer gemeinsamen Praxis rausgehen! Schließlich wollten wir zusammen bis ins hohe Alter dort coachen. Und jetzt machst du heimlich ein Geschäft ohne mich auf. Vermutlich weiß ganz Cuxhaven schon davon, bloß mich Doofe, die dir immer vertraut hat, hintergehst du, indem du mir nichts sagst!”

“Hör mal Kirsten, du siehst doch selbst, dass Coaching nicht läuft, nicht unter den Corona-Bedingungen, jetzt schon seit fast anderthalb Jahren. Man muss sich anpassen. Und das Restaurant ist meine Utopie, die realisiere ich selbst. Nicht mal Jan ist dabei.” Kirsten ist tief gekränkt: “Dann war’s das mit uns. Ich wünsche dir jetzt nicht auch noch Erfolg. Ist eh’ eine Schnapsidee!”

Daran hat nun Lena zu knabbern. Denn auch sie schmerzt der Bruch dieser jahrelangen Freundschaft. Aber so ist das mit Entscheidungen. Auf einem neuen Weg verlässt du den alten – und damit auch manche bisherige Weggefährten.


Am 20. November 2021 eröffnet Lena ihr Restaurant Blütenfisch mit einer Einladung am Vormittag für alle, die geholfen haben. Und natürlich für die Presse. Sie hält eine kleine Ansprache, die sie stundenlang vor dem Spiegel geprobt hat. Anschließend servieren die Mitarbeiter:innen Fingerfood mit Fisch und Karottenblüten, dazu Sekt. Am Abend kommen die ersten Gäste. Und am nächsten Tag öffnet der Blütenfisch regulär ab 11 Uhr mittags bis in den Abend.