Mut. Wie die innere Stimme Ihnen Beine macht 1



In den Social-Netzwerken wird viel über Mut geredet. Meist mit der Behauptung, man brauche ihn dringend. Wohl, weil ‘man’ keinen hätte. Aber wozu braucht man ihn eigentlich? Wann muss man mutig sein? Ein paar Vorschläge:

  • Wenn einem ein Löwe gegenüber steht,
  • um dem Chef zu widersprechen,
  • um gegen den Mainstream zu schwimmen,
  • wenn ich unpopuläre Themen wie ‘Einschränkung’ des Lebensstils anspreche,
  • um zu kündigen – den Job, die Ehe oder …
  • wer seinen SUV in ein Lastenfahrrad umtauscht,
  • wer sich plötzlich vegan ernährt – oder Fleischfan wird,
  • wenn Sie durch eine Flut, einen Sturm oder Feuer (fast) alles verloren haben,
  • wenn Sie mit 55 nochmal ganz von vorne ‘anfangen’ wollen.



Wir kennen uns schon lange – sie und ich. Nach einigen Streitereien sprechen wir inzwischen ganz vernünftig miteinander. Nicht, dass Chilisanne ihre hinterlistige Art, Druck auf mich auszuüben, aufgegeben hätte. Doch das ist oft schlicht nicht mehr nötig.

Ist sie unzufrieden mit mir, sagt sie mir höflich, was sie erwartet. Etwa so: “Also, jetzt zickst du mal wieder rum. Sag doch einfach, was du nicht willst. Deine Ausflüchte nerven reichlich!” Solche Ansprache ist hinreichend freundlich. Meinen Sie nicht auch?

In etwa ist sie so, wie ich gerne geworden wäre, als ich noch sehr jung war. Ihr Aussehen ist von Natur aus ziemlich durchschnittlich. Sie hat sich noch nie an konforme Gepflogenheiten gehalten. Friseur? Findet sie “ätzend”, macht unauthentisch, findet sie. Ab und zu schwingt sie selbst die Schere. Nicht um Ordnung ins Haar zu bringen, sondern für mehr Fransigkeit. Manchmal bindet sie sich ein üppiges Tuch um den Kopf. Am liebsten trägt sie Jeans und Schlabberhemden oder -pullover, gerne mit Goldfäden und in klaren Farben. Auffallend gestylte Turnschuhe und Stiefel mit Absatz. Und sie liebt Schmuck, große Ohrringe, Ringe und Ketten, immer trendig modisch.

Gerne macht sie auf Femme fatal, wenn ihr danach ist. Mit Highheels, Rückendekolleté bis sonst wohin – und grünen Strähnchen im Haar. Überhaupt lebt sie viel nach Gusto, wie ihr gerade ist. Nonkonformistisch. Ich nicht. Deshalb geht es manchmal eben doch laut zwischen uns zu.



Über ihn wird viel geredet und noch mehr vor ihm gewarnt. Dabei meint auch er es gut, genauso gut wie Chilisanne, nur anders.

Er stellt sich nämlich zwischen Chili und den ‘inneren Kritiker’, den, der zur Anpassung drängt, gegen Muße ätzt, dich für jeden kleinsten Fehler madig macht. Der einen unter Druck setzt, dem Chef schön zu tun, wenn du gerade lieber kündigen würdest. Lieber schweigen als zu sagen, was man denkt. Der oder die Beste sein wollen, um jeden Preis. Burnout? “Stell dich nicht so an!”

Der ‘innere Schweinehund’ versucht, dagegen zu halten: “Mach doch einfach blau heute!” “Den Bericht kannst du auch noch nächste Woche abliefern; merkt doch keiner.” “Überstunden? Sag einfach, dass ihr einen Tisch für euren heutigen 15. Hochzeitstag bestellt habt.” “Kleine Notlügen verschönern das Leben.”



Bloß funktioniert das nicht so. Denn da sind andere Interessen und Bedürfnisse, die einen gegen Chilisanne’s Attacken abschotten. Endlich öfter prokrastinieren – hach. Und die Karriere und der Neid der Kollegen und Nachbarn auf den Erfolg. Da muss man dranbleiben. Allein schon wegen der Anerkennung.

Sie machen einfach dicht. Und stellen ein Schild auf, mit dem Schriftzug:

Man hat Bedürfnisse!! Das ist erlaubt. Bedürftig? Das sind nur die Bedauernswerten. Dennoch, anerkannt werden wollen fast alle. Für sehr, sehr viele Menschen steht das im Fokus. Und wenn Sie das auch wollen, ackern Sie sich wahrscheinlich krumm.

Anerkennende Blicke und Bemerkungen sind Ihnen zwar gewiss. Wenn nur die Mut-Stimme nicht wäre. Sie triezt Sie solange, bis Sie draufkommen, was Sie eigentlich und wirklich wollen. (Oder bis zum Burnout oder zur Depression.) Und dass Sie das nicht bloß mit Konsum und Anerkannt-werden erreichen.



Auf einmal merken Sie, wie verdammt unzufrieden Sie sind. Plötzlich wirkt ihr Leben schal. Zweifel machen sich breit. Stellen Sie sich vor, Sie hätten schon einen Termin mit der Bank für die Neubaufinanzierung.



Ich finde es gut, dass die Stimme der Ermutigung endlich Zweifel nährt. Damit muss man sich jetzt befassen, auch wenn es die komfortablen Gefühle mindert. Denn das hilft, zu tun, was man wirklich will. Oder was gerade nottut, weil es die Zukunft rettet. Und weil es einen gesund hält.

Das macht richtig unangenehme Gefühle und Gedanken. Wenn meine innere Stimme, Chilisanne, das geschafft hat, kehren Wankelmut, Zweifel und jede Menge Bedenken dort ein, wo eben noch Gewissheit war. Als hätte ich ein Abonnement darauf, fühle ich mich wieder einmal hin- und hergerissen. Soll denn wirklich alles bleiben, wie es ist, beziehungsweise war? Oder wage ich jetzt den Schritt in (m)eine neue Zukunft?



Pandemie, Klimawandel, Transformation der Wirtschaft. Da kommen wir nicht raus. Es ist ein komplexer Angriff auf die schönsten Vorstellungen des Individualismus. “Wir bewältigen das gemeinsam oder gar nicht.” Stimmt das? Nein, nicht ganz. Zum Glück entscheidet sich jede:r, wie er oder sie leben will. Allerdings im Rahmen der Gesellschaft mit rechtlichen und politischen Vorgaben. In Deutschland, in Europa ist Freiheit garantiert – sofern sie die Freiheit anderer nicht beschneidet.